Reise nach Burkina Faso: Unterwegs im Busch

Letztes Jahr hat Gerhard Fischer mit einer Spende an SEWA die Installation von Solaranlagen in den Krankenstationen Delga und Namsigui sowie der Schule des Dorfes Zakuy ermöglicht. Diesen Herbst hat Herr Fischer eine 10-tägige Reise nach Burkina Faso unternommen und sich die Projekte vor Ort angeschaut. Seine Erlebnisse hat er in folgendem Reisebericht festgehalten.

Dienstag, 30.11.2018, Paris, Flughafen Charles-de-Gaulle

Vor dem Flug nach Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, übersetzt „Land der aufrechten Menschen“, frage ich mich, was mich wohl in den nächsten 10 Tagen erwartet, in einem Land, das zu den 10 ärmsten Ländern der Welt gehört, so groß wie die frühere Bundesrepublik, 21 Millionen Menschen, von denen viele mit ca. einem Euro am Tag auskommen müssen. Ein Land ohne Zugang zum Meer, ohne Industrie, das nur zwei Produkte in nennenswertem Umfang  exportiert: Baumwolle und Gold. Ich bin kein gewöhnlicher Tourist, ich unterstütze als Sponsor SEWA, eine deutsche NGO, Solarenergie für Westafrika, die Solaranlagen auf Schuldächern und Kankenstationen installiert, und das in entlegenen Dörfern im Busch. Öffentlichen Strom gibt es nur in den Städten, deshalb sind die Solaranlagen so wichtig. Yeral, der Angestellte von SEWA, holt mich am Flughafen ab. Er wird mich in den nächsten Tagen zu der Schule und den zwei Krankenstationen bringen, die ich finanziell unterstützt habe. Außerdem werde ich Fatima und ihre Familie besuchen, mein Patenkind von Plan International.

    

Ambroise, der Chauffeur, und Yeral bringen mich nach Zanguy, zur Schule, die seit März mit Licht versorgt ist, so dass Schüler und Erwachsene am Abend lernen, Lehrer den Unterricht vorbereiten können, die Schule zum Dorfzentrum wird. Wenn ein Dorf eine Solaranlage von SEWA installiert bekommt, wird ein Vertrag geschlossen, bei dem sich die Dorfgemeinschaft verpflichtet, die Anlage zu warten und für ihre Sicherheit zu sorgen.

Auf der Fahrt nach Dédougou, Provinzhauptstadt, ca. 150 km nordwestlich der Hauptstadt, stören neben den unzähligen Schlaglöchern auf dieser wichtigsten Straße des Landes zwei 'Probleme': Rinder, Schafe und Hunde, die ständig die Straße überqueren, vor allem aber die Bodenschwellen (Spitzname: schlafender Gendarm), die zum Teil alle paar hundert Meter einen mit einem unangenehmen Stoß in den Steiß bestrafen. Dazu kommen sehr viele Militär-bzw. Polizeikontrollen (Militär: ein Staat im Staate?).

In Zanguy werden wir wie Helden empfangen. Schon einen Kilometer vor der Schule laufen uns Dutzende Kinder entgegen und rufen: „Bonne arrivée“. Im Schulhaus dann die Dorf- und Stadthonoratioren, und das ganze Dorf besetzt die Schulbänke. 500 Schüler werden von den Lehrern (200 Euro Verdienst im Monat) betreut, mittlerweile gehen ca 80% der Kinder zur Schule; von den Erwachsenen sind nur 20% alphabetisiert. Der Unterricht erfolgt ausschließlich in Französisch, der Amtssprache, eine Art Klammer, die 60 verschiedene Ethnien verbindet. Der Schulbesuch kostet 1,80 Euro im Jahr (!).

    

Den Sonntag verbringen ich in Ouagadougou (kurz: Ouaga), dem Moloch mit über 2,1 Millionen Einwohnern, keine Hauptstadt, wie ich sie gewöhnt bin. Alle 'Sehenswürdigkeiten' sind weit voneinander entfernt, bei 45° in der Sonne gibt man schnell auf. Nur die großen Hauptstraßen sind gepflastert, alle anderen holprig, wie im Busch;  ständig hüpfen Hühner herum und Schafe mit hungrigem Blick sind auf der Suche nach einem Büschel Gras.

Am nächsten Tag fahre ich mit zwei Leuten von Plan zu meinem Patenkind nach Kongoussi. Plan hat im Dorf einen Brunnen gegraben und die Schule gebaut. Dann bringt man mich zur Cour royale, zum 'Königspalast'. Der König, Herr über 100 Dörfer, ist sehr jovial und freut sich, als er erfährt, dass er mit 76 Jahren 4 Jahre älter ist als ich. Wieder gibt es eine große Zeremonie mit Tanz der Dorffrauen. Ich werde vom Planchef aufgefordert, eine kleine Rede über die Bedeutung der Erziehung zu halten (unregelmäßiger Schulbesuch ist leider ein Problem), eine Bitte, der ich gerne nachkomme. Auch hier bekomme ich Geschenke. Als man mir später sagt, dass Fatimas Eltern, arme Subsistenzbauern, dafür zahlten, bin ich verärgert.

Dann fahren wir wieder in den Norden, wo meine Spende zwei Krankenstationen mit Licht versorgt hat. Wo vorher Hebammen mit Taschenlampen unter der Achsel Geburten durchführen mussten, haben sie es nun bei ca. 400 Geburten im Jahr deutlich leichter. Diesmal bekomme ich zum Abschied  3 Hühner, die Yeral später in einem Maquis, einem Straßenlokal, braten läßt. Noch einmal 'genieße' ich die Fahrt durch den Busch (Savanne), den Staub des rötlichen Lateritbodens und erfreue mich an den wunderschönen Karité-, Néré- und Affenbrotbäumen.

   

Zweimal fährt mich Ambroise zu Zielen meiner Wahl. Mein französischer Reiseführer erwähnte Bazoulé, den Krokodilsee. Krokodile gelten als heilig und werden zumindest hier gehätschelt und gut genährt, so dass auch ich mich nicht scheue, mich auf das Reptil zu setzen. Einmal im Jahr kommt dann das ganze Dorf, mit Hühnern 'bewaffnet', um den Krokodilen zu 'opfern'.

Interessanter ist für mich die Fahrt zur 'ferme de démonstration Wédbila', einem Zwischending von Tierheim und Bauernhof, wo vor allem Nagetiere (deren Fleisch sehr geschätzt wird) und Antilopen (Haustiere für die Reichen) gezüchtet werden. Der Besitzer, ein Kanadier, erklärt mir, dass es um die heimische Fauna schlecht bestellt ist, auch hier haben Klimawandel und Wassermangel Wildtiere stark dezimiert.

Mittlerweile traue ich mich auch, delikatere Probleme anzusprechen: Wie steht es mit Zwangsheirat? Ist verboten, kommt aber vor. Mit Polygamie? Ist erlaubt und nicht unüblich unter Muslimen. Und schließlich das schlimmste, weibliche Genitalverstümmelung? Wird strengstens bestraft, kommt aber immer noch vor, in abgelegenen Gebieten.

Tja, die Reise neigt sich dem Ende zu, am Abend schlendere ich, wie immer, durch die nächtlichen Straßen (Punkt 6 Uhr ist es dunkel), Angst habe ich keine, die 'aufrechten  Menschen' waren immer freundlich, die einzige Gefahr droht im chaotischen Verkehr, vor allem durch die Abertausenden von Leichtmotorrädern und dem unvorstellbaren Smog.

Ich wünschte mir, dass diesem so sympathischen Land, in dem Katholiken, Moslems und Animisten  tolerant nebeneinander existieren, in dem seit 2015 mit Präsident Kaboré ein wenig Stabilität eingekehrt ist, ein Aufbruch gelingt, trotz der demografischen Explosion (jedes Jahr 3% Bevölkerungzuwachs) und trotz der djihadistischen Terrorattacken aus Mali und dem Niger.

Als Yeral mich fragt, ob ich wiederkomme, sage ich: vielleicht, weiß aber, dass ich gerne noch einmal diese Strapaze auf mich nehme, wenn meine Gesundheit es zulässt.